Familie Thomann


Wohl jeder von uns schmiedet gern Pläne und stellt sich seine Zukunft vor.
Aber dann kommt ein Blitz aus heiterem Himmel, der alles über den Haufen
wirft. Wie es dann weiter geht - und oftmals besser - das erzählen Betroffene

REPORTAGE aus 10|2007 Leben mit Weitblick Stadt Gottes

 

"Ich will, dass du lebst !!"

95 Prozent der Mütter lassen ihr Kind abtreiben, wenn sie die Diagnose „Down-Syndrom“ erhalten.
Nicht so Sabine Thomann. Sie und ihr Mann Jens sagten ja zu Jann

 

Von einer Sekunde auf die andere wurde mir der Boden unter den Füßen weggerissen“, beschreibt Sabine Thomann, 34, den Moment, als der Arzt ihr in der 24. Schwangerschaftswoche mitteilte, dass der kleine Mensch in ihrem Bauch kein „normales“ Kind sein würde. „Ihr Baby hat das Down-Syndrom. Wissen Sie, was das bedeutet? Stiernacken, Herzfehler, geistige Behinderung und ein Leben lang Arbeit. Sollen wir es wegmachen?“
Entgeistert schaute die junge Frau den Arzt an: „Sie sind wohl verrückt?“ Mit ihrem Nein zur Abtreibung hat Sabine Thomann eine außergewöhnliche Entscheidung getroffen: Denn 95 Prozent der Eltern lassen nach dieser Diagnose eine Abtreibung vornehmen. Die spontane Entscheidung für ihr Kind hat sie nicht bereut. Und auch ihr Mann nicht. Erst im Auto, nach der Diagnose, konnten sie wieder miteinander sprechen. „Auch für ihn war klar, dass er sein Kind behalten möchte“, sagt Sabine Thomann. „Zwar war es ein Schock, wir sind beide in ein tiefes, schwarzes Loch gestürzt. Verzweiflung und Tränen haben uns begleitet, während wir uns von der Vorstellung verabschieden mussten, ein gesundes Kind zu bekommen.“
 
    Aber zum Glück konnte das Paar auf die Unterstützung der Familie zählen. Ihrer Mutter, die zum Zeitpunkt der Diagnose im Urlaub war, teilte Sabine Thomann die Nachricht am Telefon mit: „Na und?“, fragte die Mutter. „Das Kind bekommen wir auch groß!“ Das Umfeld des Paares reagierte dagegen abweisend. „Ja, habt ihr das denn nicht vorher gewusst?“, fragten die Arbeitskollegen Jens Thomann, 37. „Doch“, antwortete dieser. „Und warum habt ihr es dann bekommen?“, scheint in den fassungslosen Gesichtern der Arbeitskollegen und Freunde zu stehen. Der Energieanlagen-Elektroniker findet es schrecklich, dass er immer wieder das Leben von Jann verteidigen muss. „Was mache ich denn, wenn meine ältere Tochter Melissa morgen mit dem Fahrrad verunglückt und im Rollstuhl sitzt?“, fragt er dann zurück. „Das Leben ist voller Risiken. Selten läuft alles glatt, perfekt. Und wer kann sich schon anmaßen, darüber zu entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches nicht?“

 

Jann freut sich riesig, wenn er auf dem Schoß seiner  Mutter wippen darf.

 

Seine Frau kann die süßen Blondgelockten Kinder mit blauen Augen in der Werbung kaum noch ertragen. Für sie spiegelt sich darin die ganze Grausamkeit einer Gesellschaft wider, für die nur die leistungsstarken, schönen und intelligenten Menschen einen Wert und ein Lebensrecht besitzen. „Kein einziger Arzt hat mir Mut gemacht. Selbst die Hebamme betonte ständig, wie furchtbar meine Situation sei. Alle wollten mir mein Kind ausreden. Ich habe mich permanent zu einer Abtreibung genötigt gefühlt. Obwohl ich mich doch schon total auf mein Kind gefreut habe“, erzählt Sabine Thomann. Sie bekam keinerlei Informationsmaterial an die Hand, keine einzige hilfreiche Adresse. Deshalb hat sie sich zu Hause selbst an den Computer gesetzt und Mails geschrieben. Im Kontakt mit anderen betroffenen Familien hat sie festgestellt, dass ihr Schicksal kein Weltuntergang ist. Andere Frauen bestärkten sie in ihrer Entscheidung, beglückwünschten sie zur Geburt ihres Sohnes und boten weiterhin Rat und Hilfe an.
„Natürlich ist es nicht einfach“, sagt Sabine Thomann. „Jann hatte eine schwere Operation vier Tage nach seiner Geburt. Eine gefährliche Verengung zwischen Magen und Darm musste beseitigt werden. Wir sorgen uns ständig um seine Gesundheit und denken jetzt schon daran, wie wir ihn bestmöglich fördern können und ihm die Weichen legen für die Zeit, wenn wir einmal nicht mehr da sind.“ Aber trotzdem ist die Familie glücklich. Jann bringt so viel Freude. Er lacht mit seiner Oma und fühlt sich in den Armen seiner großen Schwes- ter Melissa, 8, pudelwohl. „Die Kinder haben keine Hemmungen und Vorurteile wie wir Erwachsenen“, sagt Sabine Thomann.
 Melissa nimmt Jann so an, wie er ist. Und wenn die Eltern sich durch Äußerungen Erwachsener oftmals verletzt fühlen, wissen sie doch auch, dass viele selbst unsicher und gehemmt sind, wenn sie auf behinderte Menschen und ihre Angehörigen stoßen. „Mehr Aufklärung und Feingefühl tut Not“, fordert Sabine Thomann. „Und Mut zum Anderssein.“ Dass alle Menschen unterschiedlich, aber gleich wertvoll sind, betonte auch der evangelische Pfarrer bei Janns Taufe. Er begrüßte ihn in der Gemeinde: „Jann ist etwas ganz Besonderes. Denn er hat das Down-Syndrom. Das bedeutet, dass in jeder seiner Körperzellen 47 statt 46 Chromosomen sind. Wir freuen uns, dass er zu uns gehört!“
Nach der Ankunft von Jann hat sich das Leben für Sabine Thomann verändert. Früher war ihr vor allem die Karriere als Leiterin eines dm-Marktes wichtig. Heute stehen die Kinder an erster Stelle. Halbtags geht sie aber trotzdem noch arbeiten: „Auch mit einem
Down-Syndrom-Kind ist es möglich, ein ganz normales Leben zu führen: arbeiten zu gehen, sich um die Familie zu kümmern und schöne Sachen zu unternehmen!“ Sie hofft, dass jede Frau in ihrer Situation vor einer Entscheidung auf Menschen trifft, die ihr Mut machen. „Denn nichts ist schlimmer, als ein Kind zu verlieren. Und manche Frauen quälen sich nach einer Abtreibung ein Leben lang mit Selbstvorwürfen.“ Sie nimmt Jann fest in den Arm, legt ihren Kopf an seinen und sagt leise:
„Was wären wir denn ohne unseren Sonnenschein?“

Eva-Maria Werner

 

Down Syndrom

Als Down-Syndrom oder Trisomie 21 bezeichnet man eine Chromosomenanomalie beim Menschen. Mit der Pränataldiagnostik lässt sich feststellen, ob ein Kind Trisomie 21 hat oder nicht. Eindeutige Diagnosen sind aber nur durch eine Untersuchung der Chromosomen selbst möglich, die einen nicht ungefährlichen Eingriff bedeutet.
Abtreibungen werden nach der Diagnose Down Syndrom auch noch nach der 24. Schwangerschaftswoche vorgenommen (Spätabtreibungen).
Zehn Prozent der Diagnosen erweisen sich im Nachhinein als falsch. Viele Kinder werden aufgrund einer falschen Diagnose abgetrieben. Nur eines von 1000 Kindern mit Down-Syndrom wird bewusst und gewollt auf die Welt gebracht.

Infos:
Deutsches Down-Syndrom Info-Center Hammerhöhe 3
91207 Lauf a. d. Pegnitz
Tel. 09123/982121
http://www.ds-infocenter.de/
 

 

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