Gestützte Kommunikation
- Facilitated Communication
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Seit einigen Jahren verbreitet sich im Bereich der kommunikativen Förderung von Kindern mit autistischen Störungen und geistigen Behinderungen eine neue Methode, die Gestützte Kommunikation. Das Thema wird kontrovers diskutiert, denn aus der Praxis wird von unerwarteten Erfolgen berichtet, aus wissenschaftlicher Sicht aber von zahlreichen negativen Forschungsergebnissen.
Die Gestützte Kommunikation als eine Methode der Unterstützten KommunikationIn den letzten Jahrzehnten wurden für Kinder, die im Laufe ihrer Entwicklung die Lautsprache nicht so beherrschen lernen, dass sie sich in ihrem Lebensumfeld verständlich machen können, eine Reihe von Verständigungssystemen und Kommunikationshilfen entwickelt. Diese werden in Deutschland unter dem Begriff der Unterstützten Kommunikation zusammen gefasst. Unterstützte Kommunikation bedeutet, dass die Lautsprache durch andere Kommunikationssysteme ersetzt oder ergänzt wird, z.B. durch Symbol- oder Gebärdensysteme. Dabei können elektronische Geräte mit und ohne Sprachausgabe eingesetzt werden oder auch einfachere Hilfen wie Fotomappen oder Symboltafeln. Bei Kindern mit schweren Kommunikationsstörungen müssen in der Regel elementare kommunikative Fähigkeiten erst angebahnt werden. Möglicherweise muss das Kind erst lernen, dass es selbst etwas bewirken kann, z. B. über das Auslösen eine Geräusches oder das Drücken eines Schalters jemanden herbeirufen oder durch das Treffen einer Auswahl auf einer Bild- oder Symboltafel die gewünschten Reaktionen der Umwelt erreichen. Aufgrund der technischen Entwicklung kann heutzutage fast jede auch noch so schwere körperliche Behinderung durch den Einsatz vielfältiger elektronischer Hilfen kompensiert werden. Bei einer Reihe von Kindern mit schweren geistigen Behinderungen und vor allem auch autistischen Störungen gelingt es mit den bisherigen Mitteln jedoch oft nicht, ausreichende Kommunikationsmöglichkeiten zu entwickeln. In solchen Fällen wird nun vermehrt die Methode der Gestützten Kommunikation eingesetzt (englisch: Facilitated Communication/ abgekürzt FC).
Definition
der Gestützten Kommunikation Unter Gestützter Kommunikation ist zu verstehen, dass einer Person, die sich lautsprachlich nicht verständigen kann, eine zweite, stützende Person hilft, auf einer Buchstabentafel oder einem Computer die gewünschten Buchstaben auszuwählen. Die Stützung kann sehr unterschiedlich aussehen: Ist z.B. das betreffende Kind nicht in der Lage, seinen Zeigefinger auszustrecken, muss dessen Hand so gefasst werden, dass der Zeigefinger isoliert nach vom zeigt. Im weiteren Verlauf des Kommunikationstrainings soll die Stützung immer weiter über Hand, Unterarm bis zur Schulter zurückgenommen werden; auch indirekte Stützung über das Halten eines Stabes oder Fassen der Kleidung wird praktiziert. Ziel der Gestützten Kommunikation ist es, dem Kind in einem langwierigen Prozess zu selbständigem Ausdruck zu verhelfen. Dieser Prozess kann sich jedoch über Jahre hinziehen. Die Entstehung der Gestützten Kommunikation Die Gestützte Kommunikation wurde in ihrer jetzigen Form von Rosemary Crossley Ende der 70er Jahre in Australien anlässlich der Förderung eines Mädchens mit Zerebralparese entwickelt und von ihr als Facilitated Communication bezeichnet, abgekürzt FC. Sie stellte später ein Trainingsprogramm zusammen (Facilitated Communication Training), in dem es um einen hierarchischen Übungsaufbau sprachlicher Kommunikationsleistungen und um ein Training der zur FC notwendigen motorischen Leistungen geht. Die Gestützte Kommunikation hatte zwar in den USA, Dänemark und auch Deutschland vergleichbare Vorläufer, aber erst Rosemary Crossley und in deren Gefolge Douglas Biklen, Professor an der Syracuse University in den USA, erreichten mit ihren Schriften und Seminaren, dass die Gestützte Kommunikation als eine besondere Methode der Unterstützten Kommunikation inzwischen wettweit praktiziert wird. Crossleys Einführung wurde auch schon ins Deutsche übertragen (Crossley, 1997). Während Rosemary Crossley die Methode bei der Förderung eines Mädchens mit Zerebralparese entwickelte, wurde FC später von ihr und ihren Nachfolgerinnen überwiegend bei Personen mit autistischen Störungen eingesetzt, dann aber auch bei Personen mit anderen Behinderungen wie z.B. Down-Syndrom, geistige Behinderungen unklarer Genese, aber auch Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen. Das gemeinsame Kriterium für den Einsatz von FC sind die schweren expressiven Kommunikationsstörungen, bei denen andere Methoden der Unterstützten Kommunikation keinen Erfolg brachten.
Die Wirkungsweise der Gestützten Kommunikation
Die Erfolge der FC sollen auf zwei Faktoren zurückzuführen sein, zum einen auf die physische Stützung und zum anderen auf die emotionale Unterstützung. Es wird angenommen, dass die Ursache für die Kommunikationsstörungen der FC-NutzerInnen besondere motorische Probleme sind, die zentral, also vom Gehirn aus, gesteuert sind und aufgrund derer sie ihre Handlungen nicht oder nicht immer willentlich beeinflussen können. Diese Probleme wären also nicht auf der gedanklichen Ebene anzusiedeln, sondern bewirken, dass der Gedanke oder die Absicht sich nicht in Bewegung der Sprechorgane oder der Hände umsetzen kann. Die Betreffenden können die gedachten Worte nicht in Laute übersetzen und artikulieren oder als Buchstaben so aneinander reihen, dass es für den Anderen als Schrift mitteilbar wird. Die physische Stützung hilft den FC-NutzerInnen dabei, den eigenen Körper zu spüren, motorische Blockaden zu überwinden und unerwünschte Wiederholungen (Perseverationen) zu vermeiden. Weiterhin wird angenommen, dass diese motorische Problematik häufig zu einem geringen Selbstwertgefühl, Angst vor Versagen und innerem Rückzug führt, so dass neben der physischen Stützung der emotionalen Beziehung und Unterstützung eine ebenso große Bedeutung zuerkannt wird. Das Vertrauen der Stützerinnen in die Fähigkeiten der FC-NutzerInnen, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Geduld sollen dabei helfen, diese innere Isolation der betroffenen Personen zu überwinden. Zur
Brisanz des Themas Was ist so brisant am Thema FC? Viele Annahmen rund um die Gestützte Kommunikation stehen im Widerspruch zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Bei vielen der erfolgreichen FC-NutzerInnen war man sich, bevor sie mit FC begannen, sicher, dass sie an einer geistigen Behinderung litten. Alle bisherige pädagogische und kommunikative Förderung und die gängigen Tests hatten diese diagnostischen Schlüsse bestätigt. - Durch die Kommunikationserfolge über FC werden alle bisherigen Beurteilungen in Frage gestellt, diese Person stellt sich nun in einem ganz anderen Licht dar: Sie gibt intelligente Äußerungen von sich, kann sich mit einem sehr eigenen Stil gewandt ausdrücken und gibt zu verstehen, dass sie vieles reflektiert hat, was man vorher für unmöglich hielt. Außerdem kann sich niemand so recht erklären, wie sie das Lesen und Schreiben erlernt hat. Denn dies ist ja schon für Kinder ohne Behinderung ein äußerst langwieriger und schwieriger Prozess, der nur in wechselseitiger Kommunikation mit den Bezugspersonen oder Lehrerinnen gelingen kann und bei dem sie eine Menge Unterstützung benötigen. Auf diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass der Gestützten Kommunikation eine Menge Skepsis entgegengebracht wird. Denn Praktikerinnen mit jahrzehntelanger Erfahrung müssten ihr Vorgehen in Frage stellen und wissenschaftliche Erkenntnisse zur geistigen Behinderung, zum Autismus und zum Schriftspracherwerb besäßen keine Gültigkeit mehr. Eine weitere Entwicklung hat in den USA für viel Unruhe gesorgt. Nachdem sich die Gestützte Kommunikation zu Beginn der 90er Jahre dort verbreitet hatte, kam es bald zu einer größeren Anzahl von Missbrauchsanschuldigungen, die von FC-SchreiberInnen mit Hilfe ihrer Stützerinnen geäußert wurden. Von den Gerichten wurde in mehreren Einzelfällen eingefordert, die Wirksamkeit der FC wissenschaftlich zu untersuchen, um die Beweiskraft der via FC vorgebrachten Aussagen sicherzustellen. Dazu stellte man genau kontrollierte Bedingungen her, aus denen sich ablesen ließ, wer Autorin der FC-Botschaft war. Ergebnisse
wissenschaftlicher Untersuchungen der Gestützten Kommunikation Welche Ergebnisse hat die wissenschaftliche Forschung erbracht? In den ersten Jahren nach Einsetzen der FC-Forschung konnten die FC-NutzerInnen bei der überwältigenden Mehrzahl der kontrollierten Untersuchungen Aufgaben durch Zeigen oder Schreiben nur dann lösen, wenn ihre Stützerinnen, die betreffende Aufgabe oder Frage und deren Lösung kannten. Bei einem Teil der Untersuchungen wurden FC-NutzerInnen und Stützerinnen ohne deren Wissen unterschiedliche Aufgaben gestellt. Aus der Antwort ließ sich so ablesen, welche der beiden Aufgaben gelöst worden war, und damit, wer von beiden wirklich geantwortet hatte. Vielfach stellte sich heraus, dass es die Stützerinnen waren, die die FC-Botschaften bestimmten vgl. Biermann, 1999). Als Reaktion der FC-BefürworterInnen auf diese negativen Testergebnisse kam es dazu, dass die Methoden der kontrollierten, quasi-experimentellen Untersuchung in Frage gestellt wurde. War sie überhaupt dazu geeignet, die Wirksamkeit der FC zu überprüfen? Verhinderte sie durch die künstliche, Angst erzeugende Testsituation, die ungewohnten Aufgaben und die unnatürliche Umgebung nicht, dass die FC-SchreiberInnen sich wirklich ausdrücken konnten. Mehrere Autorinnen stellten Überlegungen an, wie eine Testsituation aussehen müsste, in der es zu authentischer Kommunikation der FC-SchreiberInnen kommen kann. Inzwischen hat man einen ganzen Katalog von förderlichen Untersuchungsbedingungen formuliert, der u.a. folgende enthält:
In den letzten Jahren sind Untersuchungen veröffentlicht worden, in denen zumindest ein Teil dieser Forderungen erfüllt war, und in denen FC-SchreiberInnen ihre Fähigkeiten auch unter kontrollierten Untersuchungsbedingungen unter Beweis stellen konnten. Insgesamt ist dies aber nur ein geringer, wenn auch nicht zu vernachlässigender Teil aller derjenigen Testpersonen, bei denen überprüft wurde, ob sie die wirklichen Autorinnen ihrer FC-Botschaften sind. Bei einem Vergleich von PC, wie sie mit Stützung unter Testbedingungen gelingt, und von PC, wie sie in Einzelfallberichten veröffentlicht wird oder in der Zeitung der FC-SchreiberInnen, dem .Bunten Vogel', zu lesen ist, fallen große Unterschiede auf. Die unter Testbedingungen nachweisbare FC ist sehr viel einfacher. In den kontrollierten Untersuchungen wurden zum Beispiel Aufgabenstellungen verwendet wie:
Die meisten Nachweise authentischer Kommunikation, auch Validierungen genannt, kamen nur bei den einfacheren Aufgabenstellungen zustande.
Schlussfolgerungen Was
lässt sich nun daraus für die Praxis folgern? Wendet man eine
umstrittene Methode an, und so stellt sich die Gestützte Kommunikation
gegenwärtig dar, sollten einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden:
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Gestützte Kommunikation eine umstrittene Methode ist, deren Wirksamkeit nur in vergleichsweise wenigen Fällen wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. An dieser Stelle möchte ich ein Zitat von Rosemary Crossley, der Begründerin der FC, einfügen, in dem sie die Problematik auf den Punkt bringt: "Obwohl das Trainingsprogramm zur Gestützten Kommunikation mittlerweile für eine große Zahl von Menschen hilfreich war, ist es keine ideale Methode; es ist eine Methode, die man anwendet, wenn keine .bessere' zur Verfügung steht" (Rosemary Crossley, 1997). Bevor eine Methode eingesetzt wird, bei der die Gefahr unbewusster Beeinflussung der Inhalte durch die Stützerinnen so hoch ist, sollte im breiten Spektrum der Methoden Unterstützter Kommunikation nach Kommunikationswegen gesucht werden, bei denen sich selbständige Äußerungen der Betroffenen eher anbahnen lassen.
Quelle: http://www.uni-leipzig.de/~gbpaed/artikel/biermann.htm |
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