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Wenn im folgenden von grafischen Symbolen die Rede
ist, so sind damit Symbole gemeint, die
-
etwas
anderes (Objekt, Person, Tätigkeit, Gefühl...) repräsentieren
sollen,
-
in
gezeichneter, gedruckter oder auf einem Bildschirm abgebildeter Form
zweidimensional existieren können,
-
weitgehend
unabhängig von einer bestimmten Sprache sind und keinen Lautbezug
haben,
-
häufig
einfacher zu erlernen und zu verwenden sind als die Schriftsprache,
u.a. weil ein beträchtlicher Teil von ihnen piktografisch ist und
somit einen unmittelbareren Bezug zu dem Gemeinten hat. Somit kann man
die meisten dieser Symbole auch wie Adam (1993) als Bildsymbole
bezeichnen.
Die oben genannten und
im nächsten Abschnitt ausführlicher vorgestellten grafischen Symbole
haben keinen wissenschaftlich fundierten Ursprung. Die Autoren hatten ganz
unterschiedliche Motive bei der Entwicklung ihrer Symbole: eigene
Betroffenheit (Eltern nichtsprechender Kinder), klinische Erfahrung im
Umgang mit nichtsprechenden Menschen (Logopäden, Lehrer), kommerzielle
Interessen (Firmen mit Produkten im Rehabilitationssektor), Idealismus
oder Spaß am Erfinden grafischer Kunstsprachen (Personen ohne direkten
Bezug zu behinderten Menschen). Nicht alle erhältlichen und z.T. auch als
Kommunikationsmittel für nichtsprechende Menschen geeigneten grafische
Symbole wurden eigens für diesen Personenkreis entwickelt So war etwa
BLISS ursprünglich gedacht als eine auf grafischen Zeichen basierende
Universalsprache für Menschen unterschiedlichster Herkunft.
Es hat sich immer wieder in
der Praxis gezeigt, dass schon nicht- oder kaum sprechende Kinder im
Vorschulalter in der Lage sind, grafische Symbole zu erlernen und zur
Verständigung anzuwenden. Viele Kinder mit sehr stark eingeschränktem
Sprechvermögen (etwa infolge einer Körperbehinderung) haben enorme
Probleme beim Lesenlernen: Da beim Lesen immer wieder Wörter und
Buchstabenfolgen sprachlich zergliedert und aufgebaut werden müssen, sind
sie in besonderem Maße benachteiligt. Das Lesenlernen kann so wesentlich
länger als bei Nichtbehinderten dauern - in nicht wenigen Fällen wird es
jedoch auch langfristig nur sehr begrenzt möglich sein. Aus diesen Gründen
werden grafische Symbole seit Jahren mit Erfolg von nicht- oder kaum
sprechenden Kindern zur Verständigung benutzt. Dabei darf dieses oberste
Ziel des Einsatzes grafischer Symbole nicht vergessen werden: es geht um
Kommunikation, um eine Möglichkeit, sich umfassender und exakter als vor
der Einführung von Symbolen mitteilen zu können.
Quelle: Franzowiak, T.:
Verständigung mit graphischen Symbolen. In: Braun, U.: Unterstütze
Kommunikation. 1996
Welche
grafischen Symbole werden heute als unterstützende Kommunikationsmittel
benutzt?
Betrachtet man die große Anzahl verschiedener
Zusammenstellungen grafischer Kommunikationssymbole (ein Forschungsteam
aus den Niederlanden und den USA hat weltweit über 40 gezählt), so fällt
die Orientierung dem Neuling auf diesem Gebiet zunächst mit Sicherheit
schwer. Zur besseren Einschätzung der Qualität und Quantität halte ich
es für sinnvoll, Lexika mit Kommunikationssymbolen jeweils zunächst nach
ihrem Umfang, ihrer inneren Logik und dem Regelwerk einzuordnen.
Bei dem überwiegenden Teil handelt es sich um
Symbolsammlungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie:
- eine
genau festgelegte Anzahl vorgegebener Abbildungen aufweisen,
- keine
oder kaum Erweiterungsmöglichkeiten bieten und
- keine
eindeutigen Anwendungsregeln mitliefern.
Beispiele sind die LÖB-Symbole, Aladins
Bildersammlung, Touch'n Talk, Talking Pictures.
Demgegenüber verfügen die Symbolsysteme über:
- ein umfangreicheres Vokabular,
- einen logischeren Aufbau,
- Erweiterungsmöglichkeiten
- ein Regelwerk für die praktische Anwendung.
Beispiele sind die BLISS-Symbole, PCS, PICSYMS.
Einige der bekanntesten Zusammenstellungen grafischer
Kommunikationssymbole sollen nachfolgend vorgestellt werden.
| BliSS-Symbole
|
Symbolsystem mit ca. 2400 Symbolen.
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| Das Pferd |
und |
die Kuh |
sitzen |
im |
Gras |
und |
fressen |
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| Autor:
Charles K. Bliss, 1965. Erweitert von Blissymbolics Communication International
(BCI) in Toronto, Kanada. |
| Zielgruppe:
ursprünglich
nichtbehinderte Erwachsene aus aller Welt; BCI: nichtsprechende
Menschen. |
| Anwendungsregeln:
ja. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
ja,
viele ("Indikatoren" zum Kennzeichnen von Verben,
Adjektiven, Plural usw.; Strategien, Kombinieren neuer Symbole).
Besonderheiten: wenige einfache, klare Grundformen; sehr ausbaufähig,
an Muttersprache anpassbar, Symbole leicht reproduzierbar, gute
Ausbildungsmöglichkeiten, viele Lehr- und Arbeitsmaterialien,
Computerprogramme, weltweit verbreitet. |
| PICSYMS: |
| Symbolsystem
mit ca. 800 Symbolen.
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| Autorin:
F. Carlson, USA, 1985. |
| Zielgruppe:
nichtsprechende Kinder und Erwachsene. |
| Anwendungsregeln:
ja, aber mehr als Empfehlungen. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
Plural-
und Zeitenbildung, Verwenden von Farben nach
eigenem
Ermessen, Erfinden neuer Symbole. |
| Besonderheiten:
überwiegend
einfache Umrisszeichnungen, ausbaufähig, von der Grafik eher auf
Kinder ausgerichtet.
|
| Picture
Communicaüon Symbols (PCS): |
| Symbolsystem
mit über 1800 Symbolen |
 |
| Autorin:
R.
Mayer-Johnson, USA, 1981,1985. |
| Zielgruppe:
nichtsprechende
Kinder und Erwachsene. |
| Anwendungsregeln:
nein,
nur kurze Hinweise. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
nach
eigenem Ermessen Ändern der Symbole oder ihrer
Bedeutungen,
Kombination mit BLISS, Fotos, Zeichnungen.
|
| Besonderheiten:
auch
ohne englische Symbolbedeutungen erhältlich; überwiegend
klare
Umrisszeichnungen; z.T. halb fertige Symbole zum Weitergestalten
(z.B. Gesichter,
Behälter);
viele Symbole zum Beeinflussen des Gesprächsverlaufs. |
| Pictogram
Ideogram Communication (PIC): |
| Symbolsammlung
mit 400 Symbolen. |
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| Autor:
S.C.
Maharaj, Kanada, 1980 |
| Zielgruppe:
nichtsprechende
Menschen (besonders solche mit visuellen Wahrnehmungsstörungen). |
| Anwendungsregeln:
nein. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
nein. |
| Besonderheiten:
weiße Symbole auf schwarzem Untergrund. |
|
Touch'n
Talk:
|
| Stickersammlung
mit 600 Symbolen In schwarz-weiß oder Farbe (heißt dann "Pick
'n Stick") |
 |
| Autoren:
C.
Drolet, K.Hume, USA, 1983/86. |
| Zielgruppe:
nichtsprechende
Kinder und Erwachsene. |
| Anwendungsregeln: nein. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
Auf leeren Stickern können selbsterfundene Symbole gezeichnet werden. |
| Besonderheiten:
Abbildungen
ohne Text auf Aufklebern, überwiegend klare Umrisszeichnungen,
manche häufiger benötigte Symbole sind doppelt vorhanden. |
| COMPIC: |
| Sammlung mit 1200 Symbolen. |
 |
| Autor:
COMPIC Development Association, Australien, 1986/89. |
| Zielgruppe:
Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen und solche, die nicht
lesen können. |
| Anwendungsregeln:
eher Empfehlungen. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
nein. |
| Besonderheiten:
recht prägnante, mit dem Computer erstellte Umrisszeichnungen;
existiert in gedruckter Form und als Computersoftware; für verschiedene
Wortarten werden unterschiedliche Farben empfohlen.
|
| Conununiquer
et Apprendre par Pictogrammes (cap) |
| Sammlung
mit ca. 1200 Symbolen. |
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| Autoren:
E. Counet u.a., Belgien, 1988. |
| Zielgruppe:
nichtsprechende Kinder und Jugendliche. |
| Anwendungsregeln:
nur Empfehlungen. |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
nein. |
| Besonderheiten:
klare, meist eindeutige Umrisszeichnungen; Wortarten werden durch
unterschiedliche Umrahmung hervorgehoben; Bedeutungen der Symbole
und Begleitmaterial in französischer Sprache. |
| Löb-Symbole: |
| Sammlung mit 60 Symbolen |
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| Autor:
R. Löb, Amberg 1985. |
| Zielgruppe:
Nichtsprechende körper-/geistigbehinderte Kinder. |
| Anwendungsregeln:
Nur Empfehlungen |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
nein |
| Besonderheiten:
In Deutschland entwickelt, z.T. Bezüge zu Gebärden (zu jedem Symbol
werden auch entsprechende Gebärden beschrieben). |
| Aladin
Bildersammlung: |
| Sammlung mit über 1000 Symbolen. |
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| Autoren:
Th. Quebbemann, M. Glöckner, Wetter 1993. |
| Zielgruppe:
nichtsprechende Menschen |
| Anwendungsregeln:
nein |
| Erweiterungsmöglichkeiten:
Ergänzung durch andere Symbole |
| Besonderheiten:
Entstanden in Verbindung mit dem Computerprogramm „ALADIN“ aber auch
unabhängig davon als Buch erhältlich. |
Welche
grafischen Symbole sind für nicht- oder kaum sprechende Menschen am
besten geeignet?
Anhand der oben aufgeführten Beispiele können Sie vielleicht schon
erkennen, dass die grafischen Kommunikationssymbole eine Reihe von
Gemeinsamkeiten aufweisen (z.B. Zweidimensionalität, fehlender
Lautbezug, hoher Anteil an Piktogrammen. Andererseits gibt es aber z.T.
recht gravierende Unterschiede:
-
Einige Symbole sind "transparenter", d.h. ihre
Bedeutung kann eher erraten werden als die anderer Symbole.
-
Die Art der Darstellung desselben Begriffs kann sehr
unterschiedlich ausfallen, etwa im Hinblick auf die gewählte
Perspektive, die Komplexität, die Betonung von Details, die Strichstärke,
die Exaktheit der Strichführung, Verknüpfungen mit Buchstaben oder
gezeichneten Gebärden.
-
Es ist daher
nicht verwunderlich, dass es sich häufig darüber streiten lässt,
wie repräsentativ ein Symbol für eine beabsichtigte Bedeutung ist.
-
Die meisten Autoren haben ihre Symbole mit der Absicht
erdacht, Mitteilungen im "Telegrammstil" zu ermöglichen
(Beispiel: Symbol für "essen" = "Ich habe
Hunger"). Komplette Symbolsätze sind nur bei einem Teil der
Symbolsysteme und -Sammlungen möglich (z.B. bei BLISS, PCS, PICSYMS,
CAP).
Hilfen zum Erkennen grammatikalischer Strukturen bieten lediglich das
BLISS-System (durch kleine Symbole, die "Indikatoren", etwa bei
Verben oder Adjektiven).
Es ist kaum möglich, das optimale Kommunikationssystem unter Verwendung
von grafischen Symbolen
zu finden.
McNaughton (1988, 2) schlägt vor, diejenigen grafischen Symbole bzw. eine
Kombination grafischer Symbole auszuwählen, die entsprechend den
kognitiven Fähigkeiten dem Anwender die umfangreichsten Möglichkeiten
zur Verständigung bieten, ihn somit am ehesten zu einem kompetenten
Kommunikationspartner machen. Neben den kognitiven sollten bei der Auswahl
eines Kommunikationssystems unbedingt auch die motorischen, visuellen,
auditiven und die emotional-sozialen Fähigkeiten sowie
die Gedächtnisleistungen des Anwenders berücksichtigt werden.
Vielleicht kann der folgende Fragenkatalog eine Hilfe zur Beurteilung
verschiedener Symbol-Sammlungen oder -Systeme sein:
-
Welchen
Umfang hat das Symbol Vokabular?
-
Wie
ist es gegliedert (alphabetisch, nach Kategorien, ohne System)?
-
Für
welche Begriffe gibt es Symbole (konkrete, abstrakte Begriffe)?
-
Welcher
Art ist die Darstellung der Symbole (klar, einfach, ansprechend,
professionell gezeichnet, ohne überflüssige Details usw.)?
-
Welche
Form der Kommunikation ist möglich (Telegrammstil, Mehrwortsatz,
Kombination mit Schriftsprache)?
-
Handelt es sich
um ein logisch aufgebautes Symbolsystem?
-
Kann der Umgang
mit den Symbolen zur Förderung der kognitiven und sprachlichen
Entwicklung beitragen?
-
Können die
Symbole eine Brücke zur Schriftsprache darstellen?
-
Gibt es
Erweiterungsmöglichkeiten (Entwickeln eigener Symbole; Hinweise
dazu)?
-
Existieren
Begleitmaterialien zur Anleitung?
-
Gibt es für die
Vermittler der Symbolmethode Ausbildungsmöglichkeiten?
-
Gibt es
wissenschaftliche Literatur zu der Symbolmethode?
-
Lassen sich die
Symbole reproduzieren (Zeichnen ohne oder mit Schablone, Computer,
Fotokopien)?
-
Welche
kognitiven Anforderungen werden an den Lernenden gestellt kopieren)?
-
Werden die
beabsichtigten Begriffe durch repräsentative Symbole dargestellt?
-
Kann man viele (piktografische)
Symbole auf Anhieb identifizieren?
-
Wo
kann man die Symbole beziehen?
-
Wieviel
kosten sie?
Wie
kann man ein erstes Symbolvokabular auswählen?
Ein Kind, das nicht bzw. kaum sprechen und zugleich
(noch) nicht lesen kann, ist von seinen Bezugspersonen, die sein erstes
"Vokabular" an Gebärden, Bildern, Fotos oder grafischen
Symbolen zusammenstellen, in besonderem Maße abhängig. Die
Erfolgsaussichten eines eingeführten Kommunikationssystems werden durch
eine angemessene, an der praktischen Nützlichkeit orientierten,
Vokabularauswahl sehr begünstigt. Man sollte daher folgende Fragen klären:
- Entspricht
das ausgesuchte Vokabular dem kognitiven Entwicklungsstand und dem
Alter des Kindes?
- Berücksichtigt
es die bisherigen Erfahrungen, Interessen und Bedürfnisse des
Anwenders?
- Sind
die ausgewählten Symbole für den Benutzer voraussichtlich
hochmotivierend und in Alltagssituationen von hohem praktischen
Nutzen?
- Sind
die Symbole möglichst schnell, d.h. ohne langen Lernprozess,
anwendbar?
- Sind
sie vielseitig einsetzbar und später durch weitere Symbole gut zu
ergänzen?
- Sind
sie leicht zu produzieren und zu interpretieren?
- Es
ist sinnvoll, nicht nur Symbole zur Verfügung zu stellen, mit denen
man informieren, fragen, Gefühle ausdrücken, Aufmerksamkeit
erregen oder um Hilfe bitten kann, sondern auch solche, mit denen man
den Gesprächsverlauf beeinflussen kann ("Das stimmt
nicht!", "Kannst du das noch einmal wiederholen ?",
"Ich habe jetzt keine Lust mehr, mit dir zu reden!",
"Mir fehlt ein Symbol, um dir etwas mitzuteilen." u.a.).
Geeignete Begriffe für ein
erstes Symbolvokabular kann man auf verschiedene Weise finden, z.B. indem
man:
- Interviews
mit den Bezugspersonen des potentiellen Benutzers und ihm selbst
durchführt,
- alle
wichtigen Einflüsse der Umgebung genau analysiert (Tagesablauf,
Personen, Tätigkeiten, Objekte, Orte usw.),
- ausgiebige
Beobachtungen, u.U. auch Videoaufzeichnungen, vornimmt,
- selbst
Wort- und Phrasenlisten anlegt oder existierende Wortlisten durchsucht
und durch individuell abgestimmte Begriffe ergänzt.
Wird die Festlegung der
ersten Symbole innerhalb eines Förderprogramms in der Regel stark von den
Bezugspersonen bestimmt, so hat es sich doch häufig in der Praxis
gezeigt, dass die Symbolanwender selbst bei zunehmender Beherrschung ihres
erweiterten Kommunikationssystems immer aktiver die Entwicklung und Ausweitung
ihres Vokabulars beeinflussen können. In diesem Zusammenhang ist es
wichtig, geeignete Symbole einzuführen, mit denen "Ich brauche
hierfür ein Symbol!" mitgeteilt werden kann.
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