Körpereigene Kommunikationsformen
| Menschen
ohne Lautsprache können mit uns über viele Kommunikationskanäle
kommunizieren. Die wichtigsten sind im folgenden aufgeführt:
Darüber
hinaus können die Atmung, die Körpertemperatur, die Muskelspannung
und die Körperhaltung einen Hinweis auf die Befindlichkeit geben oder
entsprechende Bedürfnisse anzeigen. In der Regel ist gleichzeitig eine
Kombination verschiedener kommunikativer Verhaltensweisen erkennbar. Der
Umfang, die Form und die Ausprägung dieser Körpersignale ist eng mit
den motorischen Möglichkeiten verknüpft. Je größer die motorische
Beeinträchtigung eines Menschen, um so kleiner ist das ihm zur Verfügung
stehende Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Zusätzlich spielen das
Entwicklungsniveau, die aktuelle Bedürfnislage und die Art der
Beziehung zum Gesprächspartner eine große Rolle. Körpereigene
Kommunikationsformen werden auch von Menschen, die über Lautsprache
verfügen, häufig gebraucht. Sie werden von den jeweiligen Gesprächspartnern
mehr unbewusst wahrgenommen, da sie in der Regel eine lautsprachliche
Aussage begleiten. In
der Interaktion mit lautsprachbehinderten Menschen besteht unser Problem
darin, dass wir gewöhnlich nicht ausreichend sensibilisiert sind für
nonverbale Ausdrucksmöglichkeiten und dass besonders nichtsprachliche
Signale mangels eindeutiger Bedeutungszuordnung viel Raum für
Fehldeutungen geben. Zunächst ist es wichtig, eine gewisse
Sensibilisierung für die vorhandenen Ausdrucksmöglichkeiten
anzustreben. Dies erfordert ein genaues Beobachten, eine verfeinerte
Wahrnehmung und ein Sich -Einlassen auf vielleicht ungewöhnliche
Signale . In
einer aktuellen Interaktion oder Gesprächssituation gilt es, die vorhandenen
körpereigenen
Mitteilungsmöglichkeiten aufzugreifen, um hierüber die
aktuellen Bedürfnisse bzw. kommunikativen Funktionen durch eingehende
Fragen zu erfahren. In vielen Fällen haben
lautsprachbehinderte Menschen im vertrauten Umfeld gelernt, über ganz
individuelle Signale Botschaften und Absichten mitzuteilen. Eltern,
Angehörige oder Partner können manchmal erstaunliche Interpretationen
von Blicken oder Gesten abgeben, die Außenstehende nie in Erwägung
gezogen hätten. Es handelt sich hier meist um ein vereinbartes System
von Bedeutungen für Blicke, Laute, Gesten oder Mischformen. Zusätzlich
können sich sensible vertraute Personen oft sehr gut in die Situation
der Betroffenen einfühlen und Gedanken oder Wünsche ihnen sozusagen
von den Augen ablesen oder auf anderem Wege richtig erfassen. Dennoch
treten auch mit vertrauten Personen häufig Missverständnisse auf, da
auch ein System von vereinbarten Botschaften oder Signalen nur eine
begrenzte Zahl von Mitteilungen zulässt. Insbesondere können neue
Erfahrungen und Begriffe, die außerhalb des vereinbarten Bezugsrahmens
liegen und einen komplexen Inhalt haben, kaum ausgedrückt oder oft nur
schwer von den Bezugspersonen verstanden bzw. erraten werden. Menschen, die sich nicht über die Lautsprache mitteilen können, erleben häufig, dass ihre vorhandenen Möglichkeiten zu kommunizieren nicht mit ihrem Bedürfnis nach Kommunikation übereinstimmen. Ihre zum Teil ungewöhnlichen Kommunikationsformen werden von anderen Menschen kaum wahrgenommen, können noch viel weniger adäquat interpretiert werden. Wir sind überwiegend auf Lautsprache festgelegt, und darauf richtet sich unsere Aufmerksamkeit. Wir übersehen allzu leicht kleine Zeichen von nonverbalen Mitteilungen oder mimische und gestische Formen der Äußerung. Erwartungsgemäß bleiben viele Signale, die von nichtsprechenden Menschen an uns ausgesendet werden, von uns unbemerkt und unbeantwortet. Wir können davon ausgehen, dass Menschen ohne Lautsprache daher weitaus weniger häufig die Erfahrung machen, dass es sich lohnt zu kommunizieren, dass Kommunikation Spaß macht und dass Kommunizieren Einfluss nehmen bedeuten kann. Statt dessen erleben nichtsprechende Menschen regelmäßig, dass ihre kommunikativen Bemühungen erfolglos sind. Ihre Bezugspersonen bemühen sich zwar ernsthaft um eine Verständigung, sind jedoch meistens kaum vertraut mit den Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation. Die immer wiederkehrende Erfahrung des „Nicht-Verstanden-Werdens" kann bei manchen Menschen zu auffälligen Verhaltensweisen führen oder eine resignative Grundeinstellung zum Leben zur Folge haben und in Einzelfällen schließlich ( selbstverletzendes Verhalten verursachen. Um
Mitteilungsverhalten von nichtsprechenden Menschen wahrnehmen zu können,
müssen wir unsere Wahrnehmung schulen und schärfen. Wir müssen aus
einer ruhigen Haltung heraus beobachten lernen, um die manchmal feinen
Blick- oder Handbewegungen nicht zu verpassen, die uns wichtige Hinweise
auf Absichten, Gedanken oder Wünsche geben können. Da wir kaum über
die Erfahrung verfügen, nicht sprechen zu können, ist es äußerst
hilfreich, diese Erlebnisse in Selbsterfahrungsübungen nachzuholen.
Tatsächlich kann die nachempfundene Abhängigkeit und Hilflosigkeit zu
einem besseren Verständnis führen. Körpereigene Kommunikationsformen Körpereigene Kommunikationsformen, die auch von natürlichen Sprechern häufig gebraucht werden, können bei nichtsprechenden Menschen z.T. hochgradig individuellen Charakter annehmen. So werden Ja/Nein -Signale unter Umständen nicht durch das übliche Kopfnicken oder -schütteln angezeigt, sondern z.B. durch Augenbewegungen, Lautierungen, Hand- oder Fußzeichen. Ein deutliches Ja/Nein- Signal, eventuell für Unvertraute Partner durch eine sichtbar positionierte Schriftkarte erläutert, stellt ein unverzichtbarer Grundbestandteil jedes Kommunikationssystems für nichtsprechende Menschen dar. Falls "Ja" und "Nein" nicht eindeutig durch den eigenen Körper angegeben werden können, müssen Hilfsmittel (z.B. Symbolkarten, die an der Rollstuhllehne befestigt sind und durch Blickbewegung angezeigt werden) zur Hilfe gezogen werden. Durch "Ja" und "Nein" lässt sich die einfachste, aber häufig auch frustrierendste Methode Unterstützter Kommunikation verwirklichen: Der natürlichsprechende Partner stellt so lange immer weiter einengende fragen, bis der vom nichtsprechenden Partner gemeinte Inhalt entschlüsselt ist Mit vertrauten Partnern kann diese Methode sehr effektiv sein, die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen bei schwierigen Inhalten und Unvertrauten Partnern ist jedoch sehr hoch. Auch Blickbewegungen können gezielt
i als Kommunikationsmittel eingesetzt und ' durch Vokalisation verstärkt
werden. Eine bei Bedarf mehrfach wiederholte Buckbewegung vom Partner
zu einem gewünschten Gegenstand verbunden mit Lautierungen kann ein
deutliches Kommunikationssignal setzen und den Partner veranlassen, präzisierende
Fragen zu stellen. So selbstverständlich es zunächst klingt,
Blickbewegungen zur Kommunikation einzusetzen, zeigt doch die Praxis,
dass mit manchen nichtsprechenden Kindern diese Art der Mitteilung
systematisch geübt werden muss. Gestik und Mimik lassen sich ebenfalls
- sofern die motorischen Fähigkeiten es zulassen - gezielt zu
kommunikativen Zwecken einsetzen. Eine körpereigenen Methode, die mit nichtsprechenden geistigbehinderten Menschen bereits sehr erfolgreich eingesetzt wurde, stellt die Übernahme bzw. die Vereinfachung der Gebärdensprache für Gehörlose dar (Ihssen 1985, Adam 1985 u. 1993, Bemard-Opitz/Blesch/Holz 1988, Mühl 1990). Gebärden können dabei nicht nur helfen, sich mit anderen zu verständigen, sondern stellen für geistigbehinderte ' Menschen auch eine Hilfe dar, Sprache zu verstehen. So hat der lautsprachliche Ausdruck "Auto" zu dem tatsächlichen Objekt sehr viel weniger Bezug als eine Gebärde, bei der das Umfassen des Lenkrades nachgeahmt wird. Wird nun diese Gebärde gleichzeitig zum läutsprachlich gesprochenen Wort "Auto" dargeboten, so wird das Sprachverständnis u.U. erleichtert. Der Nachteil von Gebärden als Verständigungsmittel liegt jedoch auf der Hand: Sobald es um komplexere Inhalte geht, sind Gebärden nur für Eingeweihte verständlich. Im Bereich der körpereigenen Kommunikationsmethoden existieren zudem etliche individuelle Systeme: So verständigt sich z.B. ein mir bekannter junger Mann mit vertrauten Partnern, indem er mit dem Kopf Buchstaben in die Luft schreibt. Festzuhalten bleibt, dass die Fähigkeit, grundlegende Bedürfnisse durch körpereigene Methoden mitzuteilen, auf jeden Fall angestrebt werden sollte. Der eigene Körper ist immer vorhanden und kann auch bei fehlenden lautsprachlichen Fähigkeiten in vielen Fällen eine Kommunikation von hoher Geschwindigkeit ermöglichen. Gleichzeitig jedoch erlauben körpereigene Kommunikationsmethoden für nichtsprechende Menschen in der Regel nur die Kommunikation über sehr begrenzte Inhalte mit wenigen vertrauten Personen. Quelle: Braun, U.: Unterstützte Kommunikation. 1999 Eine
unterstützte Kommunikation für Menschen mit schwersten Behinderungen
beginnt mit der Suche nach kompensierenden körpereigenen
Kommunikationsformen. Es sollte möglich sein, zwei Bewegungen, die als
willkürlich steuerbare Restfunktionen bei körperlich sehr schwer
behinderten Menschen noch vorhanden sind, als „Ja" -Zeichen und
als „Nein" -Zeichen mit dem Betroffenen zu vereinbaren (z. B.
Augenbewegungen nach oben oder zur Seite, ein längerer und ein kürzerer
Lidschlag, das kurze oder längere Herausstrecken der Zunge, zwei
verschiedene Laute). Wichtig ist: Diese Bewegungen müssen jederzeit
reproduzierbar sein. Der assistierende Heilerziehungspfleger muss
lernen, eindeutige Fragen zu stellen, die gleichzeitig die Wünsche, Bedürfnisse
oder Absichten des behinderten Gesprächspartners erkennen lassen. Zusätzlich
kann ein vereinbartes „Jain" -Zeichen die kommunikativen Möglichkeiten
erweitern. Damit kann der Betroffene ausdrücken, dass er sich noch
nicht sicher sei bzw. noch Bedenkzeit benötigt. |
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