Körpereigene Kommunikationsformen

Menschen ohne Lautsprache können mit uns über viele Kommunikationskanäle kommunizieren. Die wichtigsten sind im folgenden aufgeführt:

 

  •  Blickverhalten
  • Körperbewegungen
  • Tätigkeiten
  • Mimik
  •  verbale und vokale    Äußerungen
  • Gestik
  • Gebärden
  • Handbewegungen

Darüber hinaus können die Atmung, die Körpertemperatur, die Mus­kelspannung und die Körperhaltung einen Hinweis auf die Befindlichkeit geben oder entsprechende Bedürfnisse anzeigen. In der Regel ist gleichzeitig eine Kombination verschiedener kommunikativer Verhaltensweisen erkenn­bar.

Der Umfang, die Form und die Ausprägung dieser Körpersignale ist eng mit den motorischen Möglichkeiten verknüpft. Je größer die motorische Beein­trächtigung eines Menschen, um so kleiner ist das ihm zur Verfügung stehende Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Zusätzlich spielen das Ent­wicklungsniveau, die aktuelle Bedürfnislage und die Art der Beziehung zum Gesprächspartner eine große Rolle.

Körpereigene Kommunikationsformen werden auch von Menschen, die über Lautsprache verfügen, häufig gebraucht. Sie werden von den jeweiligen Gesprächspartnern mehr unbewusst wahrgenommen, da sie in der Regel eine lautsprachliche Aussage begleiten.

In der Interaktion mit lautsprachbehinderten Menschen besteht unser Pro­blem darin, dass wir gewöhnlich nicht ausreichend sensibilisiert sind für non­verbale Ausdrucksmöglichkeiten und dass besonders nichtsprachliche Signale mangels eindeutiger Bedeutungszuordnung viel Raum für Fehldeutungen geben. Zunächst ist es wichtig, eine gewisse Sensibilisierung für die vorhande­nen Ausdrucksmöglichkeiten anzustreben. Dies erfordert ein genaues Beob­achten, eine verfeinerte Wahrnehmung und ein Sich -Einlassen auf vielleicht ungewöhnliche Signale .

In einer aktuellen Interaktion oder Gesprächssituation gilt es, die vor­handenen  körpereigenen  Mittei­lungsmöglichkeiten aufzugreifen, um hierüber die aktuellen Bedürfnisse bzw. kommunikativen Funktionen durch eingehende Fragen zu erfahren.

In vielen Fällen haben lautsprachbehinderte Menschen im vertrauten Umfeld gelernt, über ganz individuelle Signale Botschaften und Absichten mitzuteilen. Eltern, Angehörige oder Partner können manchmal erstaunliche Interpretationen von Blicken oder Gesten abgeben, die Außenstehende nie in Erwägung gezogen hätten. Es handelt sich hier meist um ein vereinbartes System von Bedeutungen für Blicke, Laute, Gesten oder Mischformen. Zusätzlich können sich sensible vertraute Personen oft sehr gut in die Situa­tion der Betroffenen einfühlen und Gedanken oder Wünsche ihnen sozusagen von den Augen ablesen oder auf anderem Wege richtig erfassen. Dennoch tre­ten auch mit vertrauten Personen häufig Missverständnisse auf, da auch ein System von vereinbarten Botschaften oder Signalen nur eine begrenzte Zahl von Mitteilungen zulässt. Insbesondere können neue Erfahrungen und Begriffe, die außerhalb des vereinbarten Bezugsrahmens liegen und einen komplexen Inhalt haben, kaum ausgedrückt oder oft nur schwer von den Bezugspersonen verstanden bzw. erraten werden.

Menschen, die sich nicht über die Lautsprache mitteilen können, erleben häufig, dass ihre vorhandenen Möglichkeiten zu kommunizieren nicht mit ihrem Bedürfnis nach Kommunikation übereinstimmen. Ihre zum Teil unge­wöhnlichen Kommunikationsformen werden von anderen Menschen kaum wahrgenommen, können noch viel weniger adäquat interpretiert werden. Wir sind überwiegend auf Lautsprache festgelegt, und darauf richtet sich unsere Aufmerksamkeit. Wir übersehen allzu leicht kleine Zeichen von nonverbalen Mitteilungen oder mimische und gestische Formen der Äußerung. Erwar­tungsgemäß bleiben viele Signale, die von nichtsprechenden Menschen an uns ausgesendet werden, von uns unbemerkt und unbeantwortet. Wir können davon ausgehen, dass Menschen ohne Lautsprache daher weitaus weniger häufig die Erfahrung machen, dass es sich lohnt zu kommunizieren, dass Kom­munikation Spaß macht und dass Kommunizieren Einfluss nehmen bedeuten kann. Statt dessen erleben nichtsprechende Menschen regelmäßig, dass ihre kommunikativen Bemühungen erfolglos sind. Ihre Bezugspersonen bemühen sich zwar ernsthaft um eine Verständigung, sind jedoch meistens kaum ver­traut mit den Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation. Die immer wiederkehrende Erfahrung des „Nicht-Verstanden-Werdens" kann bei manchen Menschen zu auffälligen Verhaltensweisen führen oder eine resignative Grundeinstellung zum Leben zur Folge haben und in Einzelfällen schließlich   ( selbstverletzendes Verhalten verursachen.

Um Mitteilungsverhalten von nichtsprechenden Menschen wahrnehmen zu können, müssen wir unsere Wahrnehmung schulen und schärfen. Wir müssen aus einer ruhigen Haltung heraus beobachten lernen, um die manchmal feinen Blick- oder Handbewegungen nicht zu verpassen, die uns wichtige Hinweise auf Absichten, Gedanken oder Wünsche geben können. Da wir kaum über die Erfahrung verfügen, nicht sprechen zu können, ist es äußerst hilfreich, diese Erlebnisse in Selbsterfahrungsübungen nachzuholen. Tatsächlich kann die nachempfundene Abhängigkeit und Hilflosigkeit zu einem besseren Verständ­nis führen.

Körpereigene Kommunikationsformen

Körpereigene Kommunikationsformen, die auch von natürlichen Sprechern häufig gebraucht werden, können bei nichtspre­chenden Menschen z.T. hochgradig indivi­duellen Charakter annehmen. So werden Ja/Nein -Signale unter Umständen nicht durch das übliche Kopfnicken oder -schüt­teln angezeigt, sondern z.B. durch Augen­bewegungen, Lautierungen, Hand- oder Fußzeichen. Ein deutliches Ja/Nein- Signal, eventuell für Unvertraute Partner durch eine sichtbar positionierte Schriftkarte erläutert, stellt ein unverzichtbarer Grund­bestandteil jedes Kommunikationssystems für nichtsprechende Menschen dar. Falls "Ja" und "Nein" nicht eindeutig durch den eigenen Körper angegeben werden kön­nen, müssen Hilfsmittel (z.B. Symbolkar­ten, die an der Rollstuhllehne befestigt sind und durch Blickbewegung angezeigt wer­den) zur Hilfe gezogen werden.

Durch "Ja" und "Nein" lässt sich die ein­fachste, aber häufig auch frustrierendste Methode Unterstützter Kommunikation verwirklichen: Der natürlichsprechende Partner stellt so lange immer weiter einen­gende fragen, bis der vom nichtsprechen­den Partner gemeinte Inhalt entschlüsselt ist Mit vertrauten Partnern kann diese Methode sehr effektiv sein, die Wahr­scheinlichkeit von Missverständnissen bei schwierigen Inhalten und Unvertrauten Partnern ist jedoch sehr hoch.

Auch Blickbewegungen können gezielt i als Kommunikationsmittel eingesetzt und ' durch Vokalisation verstärkt werden. Eine bei Bedarf mehrfach wiederholte Buckbe­wegung vom Partner zu einem gewünsch­ten Gegenstand verbunden mit Lautierun­gen kann ein deutliches Kommunikationssignal setzen und den Partner veranlassen, präzisierende Fragen zu stellen. So selbst­verständlich es zunächst klingt, Blickbewe­gungen zur Kommunikation einzusetzen, zeigt doch die Praxis, dass mit manchen nichtsprechenden Kindern diese Art der Mitteilung systematisch geübt werden muss. Gestik und Mimik lassen sich eben­falls - sofern die motorischen Fähigkeiten es zulassen - gezielt zu kommunikativen Zwecken einsetzen.

Eine körpereigenen Methode, die mit nichtsprechenden geistigbehinderten Men­schen bereits sehr erfolgreich eingesetzt wurde, stellt die Übernahme bzw. die Ver­einfachung der Gebärdensprache für Gehörlose dar (Ihssen 1985, Adam 1985 u. 1993, Bemard-Opitz/Blesch/Holz 1988, Mühl 1990). Gebärden können dabei nicht nur helfen, sich mit anderen zu verständi­gen, sondern stellen für geistigbehinderte ' Menschen auch eine Hilfe dar, Sprache zu verstehen. So hat der lautsprachliche Aus­druck "Auto" zu dem tatsächlichen Objekt sehr viel weniger Bezug als eine Gebärde, bei der das Umfassen des Lenkrades nach­geahmt wird. Wird nun diese Gebärde gleichzeitig zum läutsprachlich gesproche­nen Wort "Auto" dargeboten, so wird das Sprachverständnis u.U. erleichtert. Der Nachteil von Gebärden als Verständigungsmittel liegt jedoch auf der Hand: Sobald es um komplexere Inhalte geht, sind Gebär­den nur für Eingeweihte verständlich.

Im Bereich der körpereigenen Kommunikationsmethoden existieren zudem etliche individuelle Systeme: So verständigt sich z.B. ein mir bekannter junger Mann mit ver­trauten Partnern, indem er mit dem Kopf Buchstaben in die Luft schreibt. Festzuhalten bleibt, dass die Fähigkeit, grundlegende Bedürfnisse durch körpereigene Methoden mitzuteilen, auf jeden Fall angestrebt werden sollte. Der eigene Körper ist immer vorhanden und kann auch bei fehlenden lautsprachlichen Fähigkeiten in vielen Fällen eine Kommunikation von hoher Geschwindigkeit ermöglichen. Gleichzeitig jedoch erlauben körpereigene Kommunikationsmethoden für nichtsprechende Menschen in der Regel nur die Kommunikation über sehr begrenzte Inhalte mit wenigen vertrauten Personen.

Quelle: Braun, U.: Unterstützte Kommunikation. 1999

  „Ja" und „Nein" für Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen

Eine unterstützte Kommunikation für Menschen mit schwersten Behinderungen beginnt mit der Suche nach kompensierenden körpereigenen Kommunikationsformen. Es sollte möglich sein, zwei Bewegungen, die als willkürlich steuerbare Restfunktionen bei körperlich sehr schwer behinderten Menschen noch vorhanden sind, als „Ja" -Zeichen und als „Nein" -Zeichen mit dem Betroffenen zu vereinbaren (z. B. Augenbewegungen nach oben oder zur Seite, ein längerer und ein kürzerer Lidschlag, das kurze oder längere Herausstrecken der Zunge, zwei verschiedene Laute). Wichtig ist: Diese Bewegungen müssen jederzeit reproduzierbar sein. Der assistierende Heilerziehungspfleger muss lernen, eindeutige Fragen zu stellen, die gleichzeitig die Wünsche, Bedürfnisse oder Absichten des behinderten Gesprächspartners erkennen lassen. Zusätzlich kann ein vereinbartes „Jain" -Zeichen die kommunikativen Möglichkeiten erweitern. Damit kann der Betroffene ausdrücken, dass er sich noch nicht sicher sei bzw. noch Bedenkzeit benötigt.

 

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